Eine Brücke zwischen ‘Soll’ und ‘Ist’

Die Hundewiese ist das Bindeglied zwischen dem was sein sollte und den Umstände mit denen wir zu leben gezwungen sind.

Wie kommt es, dass wir uns mit Rassenlisten, Leinenpflicht, Maulkorbzwang und Strafandrohungen herumschlagen müssen? Der Hund ist seit Menschengedenken an unserer Seite und wahrscheinlich das einzige Tier, das von sich aus den Kontakt zu uns hergestellt hat. Aus unserer Gesellschaft ist er kaum wegzudenken und leistet einen unermesslichen sozialen Beitrag. Er ist Therapeut und Lebensretter, er ist sozialer Anker und zuverlässiger Mitarbeiter.
Dennoch wird der Hund von vielen Menschen gefürchtet und abgelehnt. Zum einen liegt das an unserer begrenzen Fähigkeit der (artübergreifenden) Verständigung, zum anderen schlicht an unserer überheblichen Ignoranz und dem Unwillen sich tolerant zu zeigen. Ein großes Problem sind hierbei - man möge es kaum glauben - Hundehalter. Die Erziehungsarbeit eines modernen Hundehalters konzentriert sich zum großen Teil darauf, dem Hund seine natürlichen Verhaltensweisen abzugewöhnen, anstatt ihm etwas beizubringen. Viele sehen ihren Vierbeiner nicht einmal mehr als das was er ist, nämlich ein Tier mit artspezifischen Bedürfnissen. Er ist vielmehr ein Accessoire.
Da haben wir die Handtasche, die hochgenommen wird, sobald sich jemand nähert, das Sofakissen, das kaum einmal raus kommt außer zum Lüften, die Outfiterweiterung, die auf den Träger besser abgestimmt ist, als an die eigene Natur, und meinen persönlichen Favoriten und Hauptkonfliktauslöser, die Halbautomatische an der Leine, die das eigene Ego aufpolieren soll.
Die dazugehörige Halterspezies ist es auch (es geht hier um die Extremisten der sogenannten ”Dackelhochnehmer”, denn wem Dergleichen im Eifer des Gefechts nicht auch schon mal passiert ist, werfe den ersten Hundeknochen), die den Argumenten einer Hundewiese taub gegenübersteht. Besonders gerne habe ich die „Mein Hund hört, ICH brauche keine Wiese!” – Typen. Das sein/ihr Hund wahrscheinlich anderer Meinung ist, interessiert dabei wenig, denn Ich ist wichtig. Des Weiteren hört man Sprüche wie: „Wozu soll das gut sein?”, „Mein Hund ist nicht sozialverträglich!” oder „Da kommt es nur zu Beißereien!”. Das so eine Wiese kein Hort schlecht erzogener Problemhunde ist, scheinen die Wenigsten zu wissen und gerade in den oben genannten Fällen ist sie bestens geeignet, um Abhilfe zu schaffen. Sie ist groß genug, dass sich die Hunde aus dem Weg gehen können und ohne Leine sind viele der vom Menschen verursachten Aggressionen wie weggeblasen. Es gibt Platz zum Rennen und Spielen, so dass die Tiere das einmalige Erlebnis machen können entspannt ihrer tief verwurzelten Natur gerecht zu werden. Sie bauen den angestauten Stress ab und lernen sich mit Artgenossen zurechtzufinden, die sie sprichwörtlich nicht riechen können. Trifft man sich dann beim Spaziergang außerhalb der Wiese, wird man feststellen, dass die Begegnungen gar nicht mehr so unangenehm verlaufen. Trotz aller Kritik, muss man jedoch anerkennen, dass die Erziehung eines Hundes nicht das Einfachste ist, denn in unserer paradoxen Welt, weiß man vor lauter hin und her manchmal nicht mehr wonach man sich richten soll. Als Hundehalter ins besondere, sind wir verstrickt in ein kompliziertes Geflecht widersprüchlicher Verhaltensregeln.

Einerseits sollen wir unsere Tiere artgerecht halten

§ 2 TierSchG
Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,
1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,
3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

Andererseits sollen wir unsere Hunde an der Leine führen - In Baden-Württemberg ist die Leinenpflicht gesetzlich nicht so streng wie andernorts.

JagdG BW
§ 40 Ordnungswidrigkeiten
(2) Ordnungswidrig handelt ferner, wer vorsätzlich oder fahrlässig
6. in einem nicht befriedeten Teil eines Jagdbezirks Hunde ohne ausreichende Sicherungsmaßnahmen gegen deren Entkommen oder außerhalb seiner Einwirkung frei laufen läßt

Doch wenn wir ehrlich sind ist das leinenfreie Laufen auch bei uns nicht ganz so einfach wie oft dargestellt. Felder dürfen nicht betreten werden, manch Naturfreund begegnet einem unfreundlich auch wenn der Hund Beifuß läuft (für viele ist der ausgeübte Druck der Mitmenschen sehr belastend), vom 1.3. - 31.9. gilt es den Vegetationsschutz zu beachten und die trächtigen Rehe und jungen Kitze im Wald haben es verdient, dass auf sie Rücksicht genommen wird.
Hundepsychologisch ist der Leinenzwang jedoch eine Katastrophe, wie sinnvoll er auch in Hinsicht auf Gefahrenvermeidung erscheinen mag. Der Hund hat kaum eine Chance das richtige Sozialverhalten zu lernen und seinem Bewegungsdrang Geltung zu verschaffen. Artgerecht kann das nicht sein! Deshalb ist die Hundewiese eine unentbehrliche Institution geworden, ein Bindeglied zwischen dem was sein sollte (frei laufende Hunde) und dem was aufgrund der Umstände ist (Leinenpflicht etc.).




als PDF-Downloaden